Forschung

Unterschiede machen Toleranz

Veröffentlicht am 03.06.2026
Article Thumbnail

Gesellschaften mit unterschiedlichen moralischen Vorstellungen tolerieren Regelbrüche eher und bestrafen sie weniger konsequent

Menschen unterscheiden sich nicht nur politisch oder kulturell, sondern auch in ihren moralischen Ansichten. Eine neue Studie von Psychologen der Cornell University und der University of Massachusetts Amherst zeigt: Je größer die Unterschiede in den moralischen Vorstellungen einer Gemeinschaft, desto lockerer erscheinen die sozialen Normen – und desto eher akzeptiert man Regelverstöße statt sie zu sanktionieren.

Die Forschenden untersuchten diesen Zusammenhang in sieben Studien: Sie kombinierten internationale Datensätze aus 32 Ländern mit Befragungen und Experimenten und bezogen Umfragen zu moralischen Werten mit ein. Diese verglichen sie dann mit Daten zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Normen und zur Reaktion auf Regelverstöße. Bei den Experimenten sollten sich die Teilnehmenden beispielsweise vorstellen, in Gemeinden oder Arbeitsumfeldern mit unterschiedlich stark ausgeprägter moralischer Vielfalt zu leben. Anschließend fragten die Forschenden, wie streng dort soziale Regeln gelten, wie akzeptabel Regelverstöße erscheinen und wie stark Regelbrecher bestraft werden sollten.

Das Ergebnis: In moralisch vielfältigeren Gemeinschaften erscheinen soziale Normen durchgehend lockerer. Gleichzeitig akzeptierten die Teilnehmenden Regelverstöße eher und zeigten weniger Bereitschaft, gegen Leute mit Regelverstoßen vorzugehen. Dieser Zusammenhang zeigte sich sowohl zwischen Ländern als auch in simulierten Nachbarschaften und Arbeitsplätzen. Besonders deutlich zeigte sich: Je vielfältiger die Moral einer Gemeinschaft wahrgenommen wurde, desto lockerer wirkten ihre Normen und desto weniger war man bereit, Regelverstöße zu ahnden.

Die Forschenden vermuten dahinter einen Mechanismus: Wenn Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen von richtig und falsch haben, fällt es schwerer, gemeinsame Regeln zu finden und deren Einhaltung konsequent durchzusetzen. Dadurch entsteht mehr Spielraum für abweichendes Verhalten.

Die Studie weist außerdem auf mögliche Schattenseiten moralischer Homogenität hin. Gemeinschaften mit sehr ähnlichen moralischen Überzeugungen neigen laut früherer Forschung stärker zu Ausgrenzung und Feindbildern gegenüber Andersdenkenden. Die Forschenden vermuten deshalb, dass es einen optimalen Mittelweg geben könnte: zwischen zu viel Gleichförmigkeit, die Feindbilder fördert, und zu viel Vielfalt, die gemeinsame Regeln untergräbt.

Abo holen – unbegrenzt Karten und Studien bekommen

SOLI

0 €/Monat

alle Artikel und Karten im Wiki

alle Magazine online und gedruckt

Spiele und Kommentare

Du unterstützt Leute, die sich kein Abo leisten können

Ja ich will!
Empfohlen

BASIS

5 €/Monat

alle Artikel und Karten im Wiki

alle Magazine online und gedruckt

Spiele und Kommentare

Du unterstützt Leute, die sich kein Abo leisten können

Ja ich will!

9 €

/Monat

alle Artikel und Karten im Wiki

alle Magazine online und gedruckt

Spiele und Kommentare

Du unterstützt Leute, die sich kein Abo leisten können

Unterstützen