Längere Denkzeiten gehen nicht mit einer besseren Entscheidungsqualität einher
Längere Denkzeiten gehen bei strategischen Entscheidungen nicht unbedingt mit einer besseren Entscheidungsqualität einher.
Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, in der über 215.000 Züge im klassischen Schach, Schnellschach und Blitzschach analysiert wurden.
Laut den Wissenschaftlern eignet sich professionelles Schach nämlich gut, um den Zusammenhang zwischen Entscheidungsqualität und -geschwindigkeit zu untersuchen. Die Spieler müssen unter Zeitdruck den besten Zug wählen und dabei sowohl ihre eigenen Möglichkeiten als auch die Reaktionen des Gegners berücksichtigen.
Die Ergebnisse zeigen einen signifikant negativen Zusammenhang zwischen der Dauer der Entscheidungsfindung und der Entscheidungsqualität in klassischen Schachpartien. Eine kürzere Entscheidungszeit ging mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einher, den objektiv besten Zug gemäß der Bewertung durch eine KI zu wählen. Dieser Zusammenhang zeigte sich auch in Schnell- und Blitzpartien.
Die Autoren kontrollierten drei verschiedene Faktoren, die die Qualität einer Entscheidung ebenfalls beeinflussen könnten: die noch verfügbare Bedenkzeit, die Komplexität der Stellung und die Frage, wie deutlich sich der beste Zug vom zweitbesten Zug abhebt. Selbst unter Berücksichtigung dieser Einflüsse bleibt der Zusammenhang bestehen, dass längeres Nachdenken im Durchschnitt mit einer geringeren Entscheidungsqualität einhergeht.
Gleichzeitig zeigte sich, dass Spieler bessere Entscheidungen treffen, wenn sie weniger Zeitdruck haben, da sie dadurch weniger Stress und mentale Belastung empfinden. Ebenso steigt die Qualität, wenn die Auswahl zwischen verschiedenen Alternativen leichter ist. Sie sinkt hingegen, wenn die Schachstellung komplexer ist. Diese Faktoren beeinflussen auch die Zeit, die ein Spieler für einen Zug benötigt. Mehr verfügbare Zeit, eine höhere Komplexität und schwerer unterscheidbare Alternativen führen zu längeren Entscheidungszeiten.
Die Wissenschaftler interpretieren die Ergebnisse so, dass längere Entscheidungszeiten ein Zeichen dafür sind, dass der Spieler die Stellung als besonders schwierig wahrnimmt – und nicht die Ursache für eine schlechtere Entscheidung sind. Diese wahrgenommene Schwierigkeit ist mit längeren Überlegungszeiten als auch mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit verbunden, den optimalen Zug zu finden.
Von wem stammt die Studie?
Von Uwe Sunde von der Ludwig-Maximilians-Universität München (Deutschland), Dainis Zegners von der Erasmus University Rotterdam (Niederlande) und Anthony Strittmatter von der UniDistance Suisse (Schweiz).
Wie haben sie das rausbekommen?
Die Wissenschaftler untersuchten mehr als 215.000 Züge aus rund 3.600 Partien im klassischen, Schnell- und Blitzschach. Diese verglichen sie mit den von einer Schach-KI empfohlenen besten Zügen. Die Studie vergleicht Entscheidungen desselben Spielers gegen denselben Gegner unter unterschiedlichen Spielsituationen.
Wo gibts die ganze Studie?
Sunde, Uwe; Zegners, Dainis; Strittmatter, Anthony: Speed and quality of complex strategic decisions, in: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) 123(20) (2026), S. 1–10.
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